Neue Route – Tag 11

Ja, ich lebe noch. Ja, ich war zu faul zu schreiben und ja, es hätte schon einige interessante Themen gegeben. Aber hier bin ich -jetzt!
Ich habe zwei Bewerbungen geschrieben und bin mit dem neuen Debbie Ford Buch ‚Courage‘ 3/4 durch. Nach 2 Tagen. Das ist ein absolutes Novum für mich.

Was ist so passiert und wie geht es mir?
Woche 4 ohne Arbeit ist fast rum. Und es geht mir seit langem so gut wie nie. (Jetzt wird es kitschig, Achtung!) Ich höre Dinge anderes, ich nehme neue Dinge wahr, ich freue mich über kleine Dinge. Vielleicht so ein bisschen wie frisch verliebt sein? Gleichzeitig frage ich mich, wie ich dieses Gefühl beibehalten kann, wenn ich wieder arbeite und dann fühlte ich mich wie in einer Art ‚Elternzeit‘. Ein Zeitabschnitt den man nimmt, weil etwas kleines, zartes gepflegt werden muss, bis es ein bisschen mehr für sich selbst sorgen kann. Und genau das werde ich tun: Mein kleines, zartes ‚Wohlfühl-Pflänzchen‘ pflegen, bis es groß genug ist, dass es tagsüber alleine bleiben kann 🙂

Das Thema der Woche war Rassismus.
Es gibt Themen, die sind irgendwie immer präsent, weil jeder sie kennt. Wir haben uns irgendwann aufgrund von schulischer Bildung oder eigenen Erfahrungen eine Meinung dazu gebildet und dümpeln damit so durch’s Leben. Und dann auf einmal passiert etwas und wir haben einen emotionalen Bezug dazu, sowie die Chance alles nochmal neu zu überdenken.
So geschehen letzte Woche, als mich ein Mann ansprach und als erstes fragte, ob es für mich ok sei, dass er nicht aus Deutschland kommt. Man, was habe ich mich (fremd)geschämt.
Gut, um das vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es verschiedene Geschmäcker und gewisse äußerliche Merkmale, die kulturell bedingt sind, wie Hautfarbe, Größe, was auch immer. Und wenn man ein gewisses Beuteschema verfolgt, dann passt nunmal nicht jede Kultur hinein, ganz davon abgesehen, welcher Nation dieser Mensch entstammt. Das mag dann vielleicht als etwas intolerant rüberkommen, ist aber in erster Linie einfach nur persönliche Präferenz.
Dass aber jemand die Notwendigkeit sieht mich dies zuerst zu fragen, fand ich schon ziemlich -nennen wir es- aussagekräftig. Die meisten hätten eher wenig Interesse, wenn sie rausfinden, aus welchem Land er kommt. Zum Spaß hat er schonmal so getan, als käme er von anderswo und das war wiederrum kein Problem. Also auch noch eine Form von Selektionsrassismus in meinem Land. Die anderen Geschichten trete ich nicht breit, aber mich hat viel mehr geschockt, wie präsent das Ganze immer noch ist. Und ich sage ‚immer noch‘, weil ich doch wirklich den naiven Glauben hatte, dass sich das Thema Rassismus in Deutschland verbessert hätte.

Welche Frage stellen wir uns zuerst -wie immer?? Genau: Was hat das mit mir zu tun? (Schön, dass Ihr aufgepasst habt!!! 🙂 )
Meine Meinung ist, dass wir in Deutschland aufgrund der Kriegsereignisse ‚kulturgeschädigt‘ sind. Wir durften lange unsere Kultur nicht ausleben, vieles davon wird mit Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Stolz sein auf das ‚deutsche Vaterland‘ geht natürlich gar nicht. Fahnen werden nur zur Fussball EM/WM rausgehängt. Wir haben uns schlichtweg seit 1950 nicht neu erfunden.
In meiner Weiterbildung zum interkulturellen Trainer haben wir uns tagelang mit der Frage auseinandergesetzt, was ‚deutsche Werte‘ für uns sind und haben dabei herausgefunden, dass die meisten Leute ihr ‚deutsches Selbstimage‘ negativ bewerten. Und ausser ‚Ordnung, Gemütlichkeit, Effizienz, technischem Fortschritt, Intoleranz, Meckernation, Bier & Brezn‘ ist uns nicht viel eingefallen.
Ist Euch schonmal jemand begegnet, der gesagt hat, dass er stolz darauf ist aus Deutschland zu kommen? Was schätzt Ihr denn an unserem Land?

Es gab sogar eine Zeit während meines Studiums in England, da habe ich aufgehört zu organisieren und zu planen. Weil die Leute immer gesagt haben ‚Ach, typisch Deutsch, Du bist wieder so organisiert und hast an alles gedacht!‘. Mir war das peinlich! Ich dachte ‚Oh je, die denken, ich bin sehr deutsch‘, das wollte ich natürlich nicht, denn es war mir unangenehm. Es war so ‚unsexy‘ und ‚uncool‘ und begleitet von einem ständigem ‚And whatever you do, don’t mention the war‘ oder ‚Was, Du kommst aus Deutschland UND hast Humor…?‘  (Den Teil über unrasierte deutsche Frauen lasse ich jetzt weg).
Ich würde mir wünschen, dass sich das einfach ändert. Nicht im Ausland, nicht für die Anderen, aber für uns selbst. Ich glaube, es ist bereits ein Stück weit besser geworden, aber noch lange nicht da, wo es sein könnte. Wenn wir unsere eigenen -kulturellen- Werte definieren und ausleben würden, wären wir vielleicht nicht so darauf angewiesen immer die der anderen Kulturen in unserem Land schlecht zu machen und zu zerpflücken. Schliesslich spiegeln die uns doch nur das, was wir selbst nicht haben und nicht nachvollziehen können: eine intakte Wertekultur und das macht sie so ‚anders‘ und ‚fremd‘.

Mir hat das Thema also diese Woche einen spontanen Denkanstoss beschert, einen, den ich zwar letztes Jahr (ziemlich genau vor einem Jahr) schonmal hatte, aber nicht zuende geführt habe und mir war vor allem nicht bewusst, wie unbeendet er noch geblieben ist, also werde ich ihn nochmal neu ‚anstossen‘ und die neuen Ideen auch gleich mit in mein Konzept für das interkulturelle Training & Coaching mit aufnehmen. Was ein glücklicher zu-Fall!! *zwinker*

 

Danke für’s Lesen und Euch allen einen guten Start in die neue Woche!

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